Vernissage: Dienstag, den 17. Februar 2026, von 19 bis 21 Uhr. Es spricht: Dr. Thomas Gädeke.
„WENN ICH MEINE BÄUME ZU FASSEN HABEN WERDE – ICH WERDE IN IHNEN VERSCHWINDEN.“
Der Radierzyklus „Laokoon. Die Bäume der Annette“ (1986) zählt zu den komplexesten Werkserien Horst Janssens. Er zeugt nicht nur von seiner technischen Virtuosität, sondern offenbart in beispielhafter Weise sein bildnerisches Denken. Janssen schöpft nicht nur aus dem Füllhorn seiner überbordenden Phantasie, sondern begreift jede Form als Anregung für weitere Formen, die er assoziativ auseinander heraus entwickelt. Die Ausstellung nimmt die „Laokoon“-Serie zum Anlass, das phantasmagorische Wuchern und Wachsen von Janssens Bildfindungen zu beleuchten.
Im Dunkel des Waldes, im Dickicht des Unterholzes verliert es sich trefflich. Nicht umsonst ist der Wald Residuum von Märchen und Mythen. Von der Antike bis zur Moderne wird er mit der anderen Seite des Menschen, dem Irrationalen, dem Triebhaften, dem Traum und dem Unbewussten, assoziiert.
In einem wahren Schaffensrausch schuf Horst Janssen 1986 in nur sechs Wochen seine 24-teilige Radierfolge „Laokoon. Die Bäume der Anette“. Die verschlungenen Strukturen der gewaltig verästelten Bäume erinnern an die berühmte antike Laookon-Gruppe, die den trojanischen Priester und seine Söhne im Todeskampf mit den Schlangen zeigt.
Die formale Ähnlichkeit der sich wie Schlangen windenden Äste mag ebenso zur assoziativen Namensgebung beigetragen haben wie der Todeskampf, arbeitet sich Janssen in der „Laokoon“-Serie doch an der Trennung von Annette Kasper ab. Er schreibt: „…in jenem Sommer, als ich am 12. Juli auf den Tag genau nach 8 Monaten Glückseligkeit in einer Minute ALLES verlor.“
„Jeder Baum ein Laokoon, der zwischen seinen Ablegern gegen die Winde der Zeit steht.“
In den verschlungenen Arabesken jedes einzelnen „Laokoon“-Baumes verdichtet sich ein ganzer Wald. Fast in Umkehrung der Redensart „man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht“ könnte man sagen „man sieht den Wald in jedem Baum“.
In der Serie ist wie in einem Nukleus Janssens Schaffensparadigma enthalten: das Assoziative, Mäandernde, sich von Gestalt zu Gestalt Weiterdenkende, steckt doch für ihn in jeder Form eine Fülle von weiteren Analogien, die sich in phantastischen Vexierbildern und abstrahierenden Arabesken förmlich entladen.
Im Wuchs des Baumes und dem Wuchern des Waldes zeigt sich auch das Naturanaloge der Janssenschen Bildphantasie: Die Natur ist nicht nur Motiv, sondern auch Metapher. Sein bildnerisches Denken ähnelt mehr dem wilden Baumwuchs und wuchernden Wald als der klaren Struktur – und schöpft eher aus dem Unbewussten als aus dem rationalen Kalkül.
Oft entwickelt er seine Gestaltpermutationen aus Naturformen heraus. Er interpretiert Bäume als Körperteile, charakterisiert sie in regelrechten Typenporträts und begreift Landschaften als Spiegel inneren Befindens. Und das menschliche Antlitz durchwandert er wie von den Stürmen des Lebens zerzauste Seelenlandschaften.
Text: Veronika Schöne