Lichte Welt

Vernissage: Mittwoch, den 2. September 2026, von 19 bis 21 Uhr.

Es spricht: Madeleine Girke

Raimund Girke (1930-2002) gehört zu den herausragenden Künstlern der deutschen Nachkriegszeit. Sein über sechs Jahrzehnte entstandenes, richtungsweisendes Werk widmet sich grundlegenden malerischen Fragen, die er jenseits von Zeitgeist und Trends, von Schulen und Stilen auf eine bis heute gültige Weise neu verhandelte. Mit beeindruckender Konsequenz entwickelte er aus der Farbe Weiß eine analytische, fundamentale, minimalistische Malerei, die aus der Begrenzung ihren Reichtum schöpft. Besonders im Spätwerk strahlen die zwischen Hell und Dunkel aufgespannten, sanft schwingenden Bilder gleichermaßen Ruhe und Dynamik aus. Sie sprechen intellektuelle Anschauung ebenso wie sensorische Empfindung an und bringen damit Gegensätze in Einklang, die in der Malereigeschichte der Moderne tendenziell als Gegensätze aufgefasst wurden.

Wie helle Wellen wogen sanfte Weißtöne durch dunkle Gründe. Als habe jemand das Licht in die Welt gebracht, erzeugen Raimund Girkes Bilder Stimmungen, die Gottfried Boehm einmal mit Sehnsucht beschrieben hat, jenem Gefühl, das einem „Streben in eine Ferne“ gleicht, „das nie ankommt, das sich niemals erfüllen kann“.

Man könnte diese Unbestimmtheit der Stimmung, dieses Ungreifbare und dennoch ausgesprochen Emotionale, ohne jemals expressiv und wild zu werden, über Girkes nahezu gesamtes Werk setzen. Es verbindet die Empfindung mit dem Verstand, das Spontane mit dem Kalkül, die Textur des Pinselstrichs mit dem Bau des Bildes.

Seine Prägung erfuhr Girke in den Nachkriegsjahren zur Zeit des „Informel“ und des „Tachismus“, einer abstrakten Malerei, deren expressive Pinselschwünge als künstlerischer Selbstausdruck gelesen und auf die Kriegserfahrungen bezogen wurden. Der etwas jüngere Girke, der bereits zur zweiten Generation abstrakter Maler gehörte, suchte hingegen nach einer Möglichkeit, das Bild aus dem Bereich des Subjektiven zu lösen und es für sich stehen zu lassen, ihm eine gleichsam ‚objektive‘ Präsenz zu verleihen.

Ausgehend von seiner grundlegenden Auseinandersetzung mit der Farbe Weiß entwickelte Girke sukzessive die für die abendländische Malereigeschichte so grundlegenden Fragen nach Licht und Dunkel sowie Monochromie und Farbigkeit, die im Laufe der Jahre immer deutlicher zutage treten. Er bewegt sich dabei am äußersten Rand, im liminalen Bereich des Minimalismus, der bei Girke jedoch kein reduzierender, sondern ein anreichender ist.

Besonders im Spätwerk durchmisst der Künstler das weite Feld zwischen Weiß und Schwarz nicht nur in Abstufungen von Grau, sondern moduliert sie in subtilen Nuancen von Blau und Braun, Gelb und Ocker. Die Farbe als Möglichkeit und der Pinselstrich als Wirklichkeit bleiben in der minimalistischen Reduktion stets gegenwärtig und erzeugen einen Reichtum, in dem die Grenzen von geometrischer und gestischer Abstraktion, von monochromer Farbfeld- und ‚bunter‘ Fleckenmalerei aufgehoben scheinen, die die Abstraktion des 20. Jahrhunderts als Demarkationslinien bis weit über die Nachkriegszeit hinaus bestimmt haben.

Raimund Girke, geb. am 28.10.1930 in Heinzendorf/Niederschlesien, gest. am 12.6.2002 in Köln; 1951-1952 Studium an der Werkkunstschule Hannover, 1952-1956 an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf; 1966-1971 Dozent an der Werkkunstschule Hannover, 1971-96 Professor für Freie Malerei an der Hochschule der Künste Berlin; zahlreiche Auszeichnungen, u.a. 1995 Lovis-Corinth-Preis, 2002 Niedersächsischer Kunstpreis; Ausstellungen u.a. 1977 documenta 6, 1995/96 Sprengel Museum Hannover/ Von der Heydt-Museum Wuppertal/ Saarlandmuseum Saarbrücken/ Kunsthalle Nürnberg, 2000 Kunstsammlungen Chemnitz/ Kunstmuseum Heidenheim, 2009 Josef Albers Museum Quadrat Bottrop, 2012 Museum Kurhaus Kleve, 2022/2023 Kupferstich-Kabinett Dresden, 2022 Museum Küppersmühle Duisburg.

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