Vernissage: Mittwoch, den 18. Mai 2022 ab 18 Uhr.
Es spricht: Veronika Schöne, Kunsthistorikerin.

„Klee und Ensor um einen Bückling streitend", „Geliebter General" oder „Cordula" – Horst Janssens frühe Radierungen sind weitaus weniger präsent als sein späteres Werk. Dabei zeigen sie einen anderen Janssen, der einen bislang kaum gewürdigten Beitrag zur Kunstgeschichte geleistet hat. Jean Dubuffets Art Brut, Paul Klees frühe satirische Radierungen und Richard Oelzes surreale Metamorphosen stehen ebenso Pate wie James Ensor und Rembrandt.

Schon die ersten Radierungen zeugen von der großen Strahlkraft dieser neuen Technik, die Janssen 1957 von Paul Wunderlich erlernt hat. Sowohl das repräsentative Tafelbildformat als auch die delikate Ausarbeitung zeigen die herausragende Bedeutung, die die Radierung von Anbeginn an für Janssen gehabt hat.

Seine Themen sind die Welt der Spiele von Kindern und Erwachsenen, der Unschuld und der Halbwelt. Das Bizarre paart sich mit dem Zärtlichen, das Morbide mit dem Lebensfrohen. Straßenmädchen und Flaneure erinnern an das mondäne Flair des Fin de Siècle, der Stil hingegen an die rohe Formensprache von Dubuffets Art Brut. Der Umgang mit den Vorbildern ist frech und äußerst frei, Janssen mischt alte Meister und junge Moden.

Mitte der 1960er Jahre löst der ‚Millionenstrichler' den linearen Flächenstil ab. Wie die zeitgleich entstandenen Zeichnungen überzieht Janssen die großformatigen Drucke mit einem Netz unendlich zarter Strichlagen in feinsten Grauschattierungen, aus denen sich fantastische Figurationen wie aus Lumpenbündeln, Haut- oder Fleischlappen herausschälen. Sie wirken wie Gestalt gewordene Träume und Dämonen, die sich buchstäblich aus dem Bildgrund heraus formen - als sei es die radierte Papierfläche selbst, die sich zu Mollusken und Gesichtern formt, Grimassen zieht und die Stirn in Falten legt.