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Horst Janssen zählt zu den bekanntesten deutschen Künstlern der Nachkriegszeit. Er gilt als Mythos, als Urgestein, als Ausnahmekünstler. Besonders in der Zeichnung und Druckgraphik hat er ein komplexes, überaus facettenreiches Werk geschaffen, das bis heute unerreicht ist. Er experimentierte mit den verschiedensten druckgraphischen Techniken wie der Radierung, dem Holzschnitt und der Lithographie und führte sie zu wahrer Meisterschaft. Seine Themen und Techniken, aber auch seine stilistische Vielfalt schöpfte er aus der Auseinandersetzung mit der abendländischen und fernöstlichen Kunstgeschichte. Janssens „Stil des Stilpluralismus“, seine freie und phantasievolle Verarbeitung verschiedener Vorbilder, zeugt von einer großen Sensibilität für den inneren Zusammenhang von Stil, Themen und Techniken. Keiner dieser Bereiche ist jeweils ohne die anderen zu denken.

JANSSEN UND DIE BILDTRADITION
Janssens Vorbilder sind die Alten Meister. Vor allem das graphische Werk dieser „adoptierten Ahnen“ fasziniert ihn und hinterlässt tiefe Spuren im eigenen Schaffen: Rembrandts Radierkunst, Kirchners Holzschnitte und die elektrisierte Linienführung von Schieles morbiden Frauenfiguren dienen ihm als Leitbilder, um seinen eigenen Standpunkt zu finden und zu schärfen. Für seine Landschaften steht Claude Lorrain, für seine Selbstporträts Rembrandt Pate. Seine Liebe zum Abgründigen zeigt sich in der Beschäftigung mit Goyas „Capricci“, dem Symbolismus James Ensors und der „schwarzen Romantik“ Johann Heinrich Füsslis. Seine Kopien sind weniger Nachahmung, sondern Aneignung der Vorbilder.

Schon im Frühwerk experimentiert er mit verschiedensten Stilhöhen. Die noch ganz am Expressionismus der „Brücke“ orientierten frühen Holzschnitte entwickelt er zu fast gänzlich abstrakten graphischen Lösungen weiter, die er später so nicht wieder aufgreift. Die ersten Lithographien und Radierungen orientieren sich neben der Klassischen Moderne à la Picasso auch an zeitgenössischen Auffassungen wie etwa an Jean Dubuffets „Art Brut“ und Richard Oelzes spinnwebzartem Surrealismus. Deutliche Spuren hinterlässt auch der frühe, surreal-satirische Paul Klee.

Durch seinen Sammler und Förderer Gerhard Schack begegnet er den japanischen Meistern Hokusai, Hiroshige und Kawanabe. Ihre virtuose Beherrschung des Farbholzschnitts, aber auch die Verwandtschaft von Bild und Schrift in der Kalligraphie haben nicht nur den Bildkünstler, sondern auch den Schriftsteller Janssen fasziniert.

JANSSENS THEMEN
Janssens Themen – Landschaft, Porträt, Stilleben, Selbstbildnis und Akt, die klassischen Gattungen der Kunstgeschichte – sind getragen von persönlichen Erfahrungen und oft äußerst emotional aufgeladen. Seine Themen kreisen um Eros und Tod – und um ihn selbst. Kaum ein anderer Künstler hat so viele Selbstporträts gemacht.

Natur und Landschaft
Die Landschaft wird seit den 1970er Jahren zu einem zentralen Thema, vorzugsweise in der Radierung, „die mit ihren Höhen und Tiefen, Rillen, Ritzen und Noppen vergleichsweise eine kleine Landschaft ist“. Es sind Erinnerungen an ausgedehnte Spaziergänge und Streifzüge durch die Natur, aber auch Seelenlandschaften, Stimmungsbilder seines Inneren. Die Natur stimuliert auch sein analogisches, überbordendes Sehen und regt ihn zu phantastischen Formexperimenten an.

Eros und Thanatos
Eros und Thanatos, die Liebe und der Tod, bilden eines der zentralen Spannungsfelder, die Janssen zeitlebens in immer neuen Variationen durchmisst. Neben zahlreichen, an kunsthistorischen Allegorien wie „Der Tod und das Mädchen“ und dem mittelalterlichen „Totentanz“ orientierten Darstellungen stehen der weibliche Akt und explizite Erotika. Frivoles Spiel trifft auf bedrohliche Begierde, anmutige Schönheit auf existenzielle Zerrissenheit, Menschliches auf Mechanisches und Weiches auf Hartes. Janssens Blick ist selten zärtlich, oft hemmungslos lüstern und manchmal auch sezierend wie der eines Chirurgen.

Maskerade und Entblößung
Neben Rembrandt hat wohl kaum ein anderer Künstler so viele Selbstporträts gemacht wie Horst Janssen. Sie sind Beglaubigung seiner Autorschaft und Spiegel seiner Selbstumkreisung. Oft von einem geradezu schonungslosen Blick auf die eigene Physis und Psyche geprägt, zeugen sie von seiner Lust an Mimik und Maskerade.

Bild und Schrift
Wortgewaltig und beobachtungssicher hielt Janssen Reden und schrieb Texte, fertigte kleine Miniaturen und lange Pamphlete, skizzierte seine Zeitgenossen und sezierte den Zeitgeist. Die Formen sind fließend: illustrierte Briefe und kommentierte Zeichnungen oder Plakate mit langen Texten wie Wandzeitungen – Janssen löste auch hier gern die Grenzen zwischen den Gattungen auf.

JANSSENS TECHNIKEN
So wie ihn bestimmte Persönlichkeiten und Perioden der Kunstgeschichte zu bestimmten Themen anregen, beflügeln auch bestimmte Techniken Janssens Phantasie, die er in ungewöhnlicher und eigenständiger Weise für sich adaptiert. Höchste Vollendung erlangt er als Zeichner und Radierer. Aber auch im Holzschnitt, der Lithographie und der Photographie zeigt sich sein experimenteller Geist. Auch seine Aquarelle, Tuschzeichnungen und lavierten Federzeichnungen sind ausgesucht delikat.

Lithographie
Von 1952 bis 1956 experimentiert der noch junge Janssen mit der Lithotechnik. Im gekonnten Einsatz der Linie, den thematischen Variationen und dem freien Umgang mit Vorbildern wie Matisse und Picasso, Klee und Dubuffet zeigt sich seine virtuose Vielfalt.

Holzschnitt
Mit den Holzschnitten findet Janssen in den 1950er Jahren zu einem eigenen Stil, der ihn mit einem Schlag bekannt macht. Die vergleichsweise kleine Werkgruppe zeugt von einer frühen Stilbildung, einer eigenständigen Verarbeitung der kunsthistorischen Vorbilder und einer raffinierten graphischen, ins Abstrakte tendierenden Formensprache, die er später so nicht wieder aufgegriffen hat.

Radierung
Die wichtigste Technik im Oeuvre Horst Janssens ist die Radierung, die er 1957 von Paul Wunderlich erlernt. Der Verzicht auf Vorzeichnungen, das direkte Ritzen in die Druckplatte und der ungewöhnliche Einsatz von Farbe zeugen von seinem experimentellen Erfindergeist, mit dem er diese traditionelle Technik für sich adaptiert und zu neuen Höhen führt.

Zeichnung
Janssen zeichnete unentwegt. Es ist seine Art der Weltaneignung. Der Stift ist die Verlängerung des Auges und Instrument des Geistes, er vermittelt zwischen Realität und Phantasie. Janssen arbeitet aus der Erinnerung, aber auch ganz konkret vor dem Objekt. Die Zeichnung ist beides für ihn: das Festhalten des ersten Einfalls, der prima idea, und vollendetes Werk. Er fertigt flüchtige Skizzen und autonome Arbeiten, oft kombiniert mit Aquarell und Tusche.

Photographie und Collage
Für Janssen ist die Photographie eine Ergänzung zum Zeichnen. In beiden Medien geht es ihm um das genaue Sehen als Vermittler zwischen Innen- und Außenwelt. Die Photographien bearbeitet er mit Feder, Stift, Farbe und Ätzung. Entstanden ist ein experimenteller, ausgesprochen zeitgenössischer Werkkomplex, der einen ungewöhnlichen Einblick in Janssens bildnerisches Sehen gewährt.